Wie weit sind wir in Österreich?


Im März 2021 berichten Thomas Alge und Caroline Krecké im Südwind Magazin (Artikel hier) über die Fortschritte in der Umsetzung der SDGs und sprechen von einer ‚zart positiven Veränderung‘ und davon, dass ’noch ein sehr weiter Weg vor Österreich‘ liege. Sie beziehen sich dabei u.a. auf den Freiwilligen Bericht zur Umsetzung der Agenda 2030 vom Juli 2020. Darin werden zwar manche Zielerreichungen und Fortschritte aufgelistet, doch würden in vielen Bereichen die Bemühungen nur schleppend vorangehen.

Gelobt wird der Beschluss zur engeren Zusammenarbeit von Parlament und Regierung, regelmäßige Debatten im Paralment würden eine Verstärkung der Dynmaik erwarten bzw. erhoffen lassen. In vielen Bereichen gebe es jedoch erhebliche Mängel, gerade was Klimaschutz (SDG13) betrifft, habe in den letzten Jahren kaum eine Entwicklung stattgefunden.

Die Forderung nach verstärkter Einbindung der Zivilgesellschaft könnte allerdings Gehör gefunden haben. Im Wesentlichen vom Klimavolksbegehren 2020, das 380.000 Personen unterschrieben haben, initiiert, wurde Ende März vom Parlament die Einsetzung eines Klima-Bürger*innenrats beschlossen. 100 per Zufallsprinzip ausgeloste Personen sollen zum Thema Klimaschutz beraten. Außerdem wäre auch für weitere Interessent*innen ein Partizipationsprozess geplant, wie der genau aussehen sollte, war jedoch noch offen. Immerhin ein weiterer Schritt in Richtung SDG 13.2: ‚Klimaschutzmaßnahmen in die nationalen Politiken, Strategien und Planungen einbeziehen‘

In Aussicht gestellt wurde jedenfalls ein Beginn der geplanten Projekte für Sommer 2021. Es besteht also noch Hoffnung.

Regelmäßige Informationen über den Fortgang des angekündigten Bürger*innenrates Klimaschutz finden Sie hier: Bürger*innenrat jetzt.

Solidarität versus Almosen
Teil 2

Recht statt Hilfe


Um die ‚imperiale Lebensweise‘ zu verdeutlichen: Mit Selbstverständlichkeit wird bei uns darüber diskutiert gesunde Kinder zu impfen, während in vielen ärmeren Ländern weder für Gesundheitspersonal noch für Hochrisiko-Patient*innen Impfstoff zur Verfügung steht. Da findet kaum jemand was Anstößiges dran, selbst wenn die Sinnhaftigkeit dieser Impfungen von vielen Experten bezweifelt wird (außer bei Vorerkrankungen oder erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf). Möglich ist das nur deshalb, weil die reicheren Länder so viel Impfstoff aufgekauft haben, mehr als sie brauchen. Den Mangel, den wir zuerst selbst erzeugt haben, können wir dann mit Hilfsleistungen werbewirksam bekämpfen. Damit bleiben die Abhängigkeiten bestehen und von Rechten ist keine Rede mehr.

„Immer wieder rückten auch die Diskussionen über die ungleiche Verteilung der Impfstoffe in den Mittelpunkt: Tatsächlich wurden bislang 75 % aller COVID-19-Impfstoffe in nur zehn Ländern verabreicht. In Ländern mit hohem Einkommen hat fast jeder vierte Mensch einen Impfstoff erhalten, während es in Ländern mit niedrigem Einkommen nur einer von mehr als 500 ist.“ (Genfer Depesche, Weltgesundheitsversammlung zieht erste Lehren aus der Pandemie, Juni 2021, Konrad Adenauer Stiftung).

Laut Covidvax.live können Deutschland und Österreich bei gleichbleibender Impf-Geschwindigkeit noch 2021 70% Durchimpfungsrate erreichen, Nepal dagegen erst 2024 und Kenia 2034, um zwei von unzähligen Beispielen zur Verteilungs-Ungerechtigkeit zu nennen. Ähnliches gilt nicht nur für den Covid Impfstoff sondern auch in anderen Bereichen. Mangel besteht etwa an medizinischer Ausrüstung, geschultem Personal und der nötigen Logistik.

Warum nicht TRIPS-Waiver?

Was den Impfstoff betrifft, könnte die zumindest zeitweise Aussetzung des Patentrechts Abhilfe schaffen, der heiß diskutierte TRIPS-Waiver. Von den einen als effiziente Maßnahme der Pandemiebekämpfung gepriesen und eingefordert (Antrag von über 100 Ländern) von den anderen als nutzloses Instrument und als ‚brandgefährlich‘ verteufelt. Das Argument, ohne den Patentschutz hätte der Covid-Impfstoff gar nicht so schnell entwickelt werden können, ist schlichtweg armselig. Das hieße ja (überspitzt ausgedrückt) nichts anderes, als dass wir eine globale Bedrohung der öffentlichen Gesundheit nur dann bekämpfen würden, wenn satte Gewinne winken.

Eine von neoliberal-marktradikaler Ideologie durchsäuerte Weltanschauung, deren Verbreitung wohl nicht zuletzt eine Folge der oben erwähnten habituell ‚imperialen Lebensweise‘ ist. Wir fühlen uns im Recht, uns zu nehmen, was wir brauchen oder haben wollen, Schäden und Abfälle werden ausgelagert, die Ausbeutung von Mensch und Natur in anderen Ländern schlichtweg ausgeblendet, damit wir in Ruhe und ohne schlechtes Gewissen unsere Bedürfnisse befriedigen bzw. aktuell die Pandemie innerhalb des eigenen Landes eindämmen können. Die Inszenierung von Hilfslieferungen dient dann vorwiegend der Kosmetik und wenn nötig der Beruhigung des Gewissens

Hilfe UND Systemänderung

Nicht, dass es nicht gut wäre, Länder, die es brauchen, schnell mit Impfstoff zu versorgen, und wenn es jetzt über Spenden ermöglicht werden kann, dann eben über Spenden. Je mehr und je schneller, umso besser. Es darf aber nicht dabei bleiben, es ist nicht die Lösung und kein Ersatz für die notwendigen Änderungen. Gleichzeitig muss an Systemänderungen gearbeitet werden, damit es zu so einer Situation gar nicht mehr kommen kann. Recht statt Hilfe, echte Solidarität statt Almosen und formelle Beteiligung der Zivilgesellschaften, wenn es um Anliegen der öffentlichen Gesundheit geht, lokal und global.

Solidarität
versus
Almosen


Viel ändert sich nicht im Umgang mit der Herstellung, Verteilung und Verabreichung von Corona-Impfstoff, auch wenn Ö1 die Entwicklung der Impfstoffe als einzige Erfolgsgeschichte bezeichnet. Stimmt vielleicht, wenn man nur dorthin schaut und vor allem auf die nordwestliche Hemisphäre. Was die globale Verteilung und Verabreichung angeht, und das gehört nun mal dazu, beschleicht mich jedoch eher das Gefühl, in einer Zeitschleife festzusitzen, in der wir ständig mehr vom Gleichen erleben. Obwohl es ein guter Zeitpunkt wäre, Änderungen vorzunehmen.

Anne Jung von medico international:
 „Der Moment ist wie geschaffen für eine breitere globale Bewegung, um das Recht auf bestmöglichen Zugang zu Gesundheit allumfassend und universell auch jenseits von Pandemien zu erstreiten. Es ist jetzt an der Zeit, eine an den Gesundheitsbedürfnissen aller Menschen ausgerichtete Politik einzufordern, die öffentliche Gesundheitssysteme gegen Kapitalinteressen verteidigt und darin auch die Macht der Pharmaindustrie begrenzt. Das ist kostengünstiger als das System von Patenten. Vor allem aber ist es im Interesse aller.“ (ganzer Text hier)

G7 hätt’s gekonnt

Die Gelegenheit des G7 Gipfels vom 11. bis 13. Juni 2021 in Cornwall, wirksame Änderungen in der Pandemie Bekämpfung und in den öffentlichen Gesundheitssystemen zu beschließen oder voranzutreiben, wurde verpasst und scheiterte vor allem am Widerstand der EU. Der Patentschutz der Corona Impfstoffe bleibt und wird auch nicht zeitbegrenzt aufgehoben. Beteuerungen, dass man ja hohe Summen in COVAX investieren und Impfdosen im dreistelligen Millionenbereich spenden würde, helfen da wenig.  

Gefragt wären Partnerschaftlichkeit und das RECHT auf ‚den Zugang zu bezahlbaren unentbehrlichen Arzneimitteln und Impfstoffen‘ wie es in den SDGs unter Punkt 3, Gesundheit und Wohlergehen, gefordert wird und nicht die Degradierung der ärmeren Länder zu Almosenempfängern. Auch die Tatsache, dass eine Bekämpfung der Pandemie in den armen Ländern gleichzeitig eine Bekämpfung der Pandemie in den reichen Ländern bedeuten würde, scheint kein ausreichendes Argument zu sein. Offensichtlich wird die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit hier wie dort in Kauf genommen, um Kapitalinteressen zu schützen. Und das vorwiegend im (meist mit öffentlichen Geldern geförderten) Privatbereich.

Dass es keinen Aufschrei gibt, wenn 2021 Länder noch so unverblümt in Abhängigkeit des Gutwill der Reichen gehalten werden, ist wohl unserer habituell ‚imperialen Lebensweise‘ geschuldet. Die Kolonialzeiten sind vorbei, die der ‚imperialen Lebensweise‘ stehen offenbar in voller Blüte. (‚Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus‘, Ulrich Brand, Markus Wissen, 2017)

Menschenverachtung oder Wertschätzung?
(ein Beitrag der Streiflichter)


Der eine will sich nicht mit dem Pöbel anstellen und spricht von Tieren, wenn er Menschen meint, andere sprechen frauen- und menschenverachtend über Kolleg*innen und äußern sich herablassend über rechtsstaatliche Einrichtungen. Nicht irgendwer nach ein paar Bier im Wirtshaus, nein. Politiker und Funktionäre, denen Verantwortung in und für Demokratie und Rechtsstaat übertragen wurde. Indirekt gewählt durch die Wahl der Partei sind sie auch von uns Bürger*innen beauftragt (und per Steuer bezahlt), ihre Funktionen verantwortungsvoll und im Sinne der (mehr …)

In den SDGs (Sustainable Development Goals der UNO Resolution vom 25. September 2015) wird im Zielpunkt 3 ‚Gesundheit und Wohlergehen‘ gefordert, den Entwicklungsländern “Zugang zu bezahlbaren unentbehrlichen Arzneimitteln und Impfstoffen zu gewährleisten”.


Auch wenn es dabei primär um Krankheiten geht, von denen hauptsächlich Entwicklungsländer betroffen sind, wäre JETZT der Zeitpunkt, diesen Punkt zumindest für Covid-Impfstoffe zu verwirklichen.

Medizinische Versorgung zwischen Markt und Mensch

Die Tatsache, dass die EU 1,78 Euro für eine Dosis von Astrazeneca bezahlt, Uganda jedoch 5,80 Euro, steht diesem Ziel diametral entgegen. Argumentiert wird mit Marktregeln. „Wir erkennen an, dass dies die Realtiät der Märkte ist“, wird die WHO-Afrika-Chefin Matshidiso Moeti in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Und weiter:  „Es ist natürlich bedauerlich, dass es ärmere Länder gibt, die mehr zahlen als reiche Länder.“ Das ist nicht bedauerlich, sondern ungeheuerlich und müsste sofort gestoppt werden. Auch wenn Märkte eine Eigendynamik entwickeln sind sie menschengemacht und Menschen können Regeln ändern.

In diesem Zusammenhang ist wohl auch die globale Verteilung des Impfstoffs zu sehen. Eine Analyse des IRFC (Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften) zeigt, dass die reichsten Länder den Großteil der Impfdosen für sich beanspruchen. Nahezu 70% der Vakzine seien bisher in den 50 reichsten Ländern verabreicht worden, in den 50 ärmsten Ländern dagegen nur 0,1%.

Obwohl sich alle Expert*innen einig sind, dass die Pandemie nur global bekämpft werden kann, halten sich die Bemühungen, den globalen Süden respektive die ärmsten Länder in der Pandemiebekämpfung effektiv zu unterstützen, in Grenzen. Wirksame Maßnahmen werden vor allem von USA, EU und anderen reichen Ländern blockiert, was sich jedoch als Bumerang erweisen könnte.

Geht doch, oder?

Das Problem wurde von den Institutionen durchaus wahrgenommen. Gemeinsam mit anderen Einrichtungen und in Kooperation mit UNICEF gründete die WHO die Initiative COVAX, die in Zusammenarbeit mit Regierungen und Herstellern sicherstellen soll, dass COVID-19-Impfstoffe sowohl für Länder mit höherem, vor alllem aber mit niedrigerem Einkommen verfügbar sind. Seit der ersten Lieferung nach Ghana am 24. Februar 2021 seien mehr als 38 Millionen Impfstoffdosen abgegeben worden (Stand 8.4.2021). Geplant wäre, bis Jahresende 2 Milliarden Dosen Impfstoff einzukaufen und insbesondere an die ärmeren Ländern zu verteilen.

Die Effizienz von COVAX wird sehr unterschiedlich eingeschätzt. Die einen bejubeln einen Akt globaler Solidarität, die anderen bemängeln, die Maßnahmen seien völlig unzureichend. Immerhin wurden am G7 Gipfel weitere Gelder zugesagt und Spenden von „übrigen“ Impfdosen an ärmere Länder versprochen. Mit echter Solidarität hat das allerdings wenig zu tun, ebensowenig mit effizienter globaler Pandemiebeämpfung (Zeit Online, Feb. 2021).

Vom Impfstoff-Profit zum ‚Volksimpfstoff‘

Nachhaltig und effizient wäre wohl nur die Freigabe von Patentrecht und Eigentumsschutz auf alle Covid-relevanten Medikamente, Impfstoffe und Geräte für die Dauer der Pandemie. Falls Länder über die nötige Infrastruktur verfügen, könnten sie Impfstoffe selbst produzieren, andernfalls günstig einkaufen. Oxfam hat schon vor einiger Zeit gemeinsam mit anderen Organisationen die Forderung nach einem ‚Volksimpfstoff‘ erhoben, mit dem ärmere Länder kostenlos versorgt werden sollen. (Ärzteblatt, September 2020)

Entsprechende Initiativen und Vorschläge wären vorhanden. Wie schon erwähnt, wird die Umsetzung vor allem von USA, EU und anderen Ländern blockiert. Obwohl diese nur etwa 14% der globalen Bevölkerung ausmachen, haben sie sich mehr als die Hälfte des Impfstoffs gesichert. Das ist nicht nur unsolidarisch sondern kostet auch Menschenleben (taz).

Die Entwicklung der Impfstoffe wurde außerdem mit nicht unerheblichen öffentlichen Mitteln ermöglicht. Medico International meldet, dass allein bei AstraZeneca die Entwicklung des Impfstoffes  zu 97%  durch öffentliche Gelder finanziert wurde. Vergesellschaftung der Kosten und Privatisierung der Gewinne, daran sind wir bereits gewöhnt. Es könnte eine der Chancen der Covid-Krise sein, diesen Missstand in Zukunft, also in der oft beschworenen neuen Normalität, zu beheben.  

Kostenfreie oder zumindest leistbare Impfstoffe für die ärmeren Länder und die Unterstützung in der Verteilung und Verabreichung der Impfdosen stellen vermutlich die einzig effiziente und nachhaltige Maßnahme einer globalen Pandemiebekämpfung dar. Und dass die Pandemie nur global wirkungsvoll bekämpft werden kann, darin sind sich alle einig.

Ein Jahr Pandemie, ein Jahr Maßnahmen und Einschränkungen mit fast nur einem einzigen Brennpunkt: Die Sieben-Tage-Inzidenz. Wie gebannt haben wir auf diese Zahlen gestarrt und sie waren es, welche die Reaktionen der Politik bestimmt und gerechtfertigt haben. Steigende und sinkende Zahlen waren Tagesgespräch. Die Folgen für die Wirtschaft wurden von Beginn an zumindest mitthematisiert, die Folgen für die Menschen zuerst gar nicht, später eher am Rande. Zuerst Berichte über die Auswirkungen auf Risikogruppen, Heimbewohner*innen und ältere Menschen, später auch über die Folgen für Erwachsene, erst seit kurzem über die Folgen für Kinder und Jugendliche, eine (mehr …)

Vom Selbstverständlichen in der Krise

Selbstverständlich halten wir Abstand, schränken unsere sozialen Kontakte ein,  versuchen die uns gebotenen Einschränkungen zu akzeptieren und warten geduldig bis wir für die Impfung an die Reihe kommen. Selbstverständlich stehen bei der Impfstoffherstellung Profitinteressen immer noch über dem Gemeinwohlinteresse, stehen freie Intensivbetten von Privatkliniken, obwohl dringend benötigt, der Allgemeinheit nicht zur Verfügung und vermehren ohnehin schon Wohlhabende Menschen in der Krise ihre Vermögen um hohe Summen, während andere in ihrer Existenz bedroht sind und es als unmöglich abgetan wird, das Arbeistlosengeld um nur 15% zu erhöhen.

Selbstverständlich versorgen wir uns auch in der Krise im Supermarkt mit allem Nötigen, drehen die Heizung rauf, wenn es kälter wird, genießen eine warme Dusche mit Trinkwasserqualität und konsumieren dann Krimi, Talkshow oder Computerspiel. Ebenso selbstverständlich sterben zur selben Zeit unzählige Kinder, weil sie nicht versorgt sind, frieren Menschen in durchnässten Zeltstädten im Schlamm nicht irgendwo, sondern in Europa, haben Menschen keinen Zugang zu Trinkwasser und warten die ärmeren Länder noch lange, bis sie genügend Impfstoff bekommen.

Selbstverständlich werden immer noch Regenwälder abgeholzt, Kriege geführt, Rohstoffe und Länder geplündert, Menschenrechte missachtet und Kinder verschleppt, misshandelt und ausgebeutet, Frauen unterdrückt und dem Mann untergeordnet, selbstverständlich steigt die Ungleichheit weiterhin in unglaublichem Ausmaß. Während die einen im Elend versinken, vergnügen sich die anderen am Pool ihrer Villen, und das auf Kosten der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Realitäten, die uns schon seit Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden sind, daran ändert auch die Krise nichts. Alles ganz normal.

Nur, dass wir kaum noch über etwas anderes reden als Corona und das vor allem in Zahlen und Inzidenzen, darüber, wo es einen Gratistest gibt und wie wir trotz Pandemie skifahern, zum Friseur gehen oder urlauben können. Missachtung der Menschenrechte, Fragen der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die Klimakatastrophe, die Aushöhlung von Demokratie und Solidaritätsgesellschaft, die zerstörende Ausbeutung von Mensch und Erde, all das ist weit abgeschlagen.

Was uns gestern noch ein Wert war, versteckt sich heute hinter Corona und manches droht sich dort unbemerkt zu verflüchtigen. Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und Gleichheit für alle, mit dem unantastbaren Recht auf ein würdevolles Leben jedes einzelnen Menschen und dem ‚unverhandelbaren Recht, Rechte zu haben‚ – Werte, die ohnehin nur in Annäherung erreicht werden können, und doch waren wir in manchen Bereichen und Ländern schon recht weit mit der Zivilisation. Rücken diese über Jahrhunderte hinweg erkämpften Werte und Rechte wieder in die Sphäre der Utopie?

Vom Rudel zur Meute

Eigentlich ist der Mensch ein Rudeltier. Wir brauchen das Rudel, um zu überleben, wenn es kalt oder gefährlich wird, rücken wir zusammen. Schutz und Geborgenheit durch die Zugehörigkeit zum Rudel, sich an den anderen wärmen, Nähe und Gemeinsamkeit.

Die Nähe, die Mensch Rudeltier braucht, wandelt sich derzeit in (weiterlesen)

Ist unsere Zukunft systemrelevant?

In einer Krise wie wir sie derzeit erleben wird das gesamte öffentliche Leben mit Ausnahme der systemrelevanten Bereiche auf ein Mindestmaß zurückgefahren. Krankenhäuser, Supermärkte, Arztpraxen, all das bleibt offen. Macht ja auch absolut Sinn. Alles andere wird auf Homeoffice verlagert oder gleich ganz geschlossen (Wirklich alles? Naja, außer den Skiliften vielleicht, die anscheinend auch systemrelevant sind). Erwachsene Menschen trifft es dabei sehr unterschiedlich, je nach Arbeitsbereich und (mehr)

Wirksmurks mit ohne

Arbeitsministerin ist abgebogen, wegen einer wirklichen, aber nicht ganz so, also das heißt allgemein gedacht, eben doch oder  genau so ohne Beistrich, weil Chef sich ohne Idee nicht hinführen frisch erfunden.

Vom Regierungspfad abzubiegen war wohl eine gute und notwendige Entscheidung. Erstaunlich trotzdem wie man mit so viel Bildung (mehr)

Vom Traum zur Revolution

„Lassen Sie uns gemeinsam träumen, welche Zukunft wollen wir sehen. (…) und lassen Sie uns dann den Mut fassen und unsere Träume gemeinsam verwirklichen“ (Van der Bellen in der Neujahrsansprache).

Er gibt zu Bedenken, ob wir wirklich wieder in dieselbe Realtität zurück wollen, die vor der Pandemie geherrscht hat. Nicht alles sei gut gewesen, wir könnten die Herausforderung nutzen und etwas „Neues, viel Besseres für Mensch und Natur schaffen“. Das gelte auch für das Zusammenleben.

Statt Unversöhnlichkeit und dem erbitterten Bekämpfen anderer Meinungen (Entwertungen, Hass, Ausgrenzung, Feindbilder) empfiehlt er, dass „wir unseren Frieden schließen mit der Erkenntnis, dass wir nur durch Gegensätze wachsen und lernen können“.

Je nachdem wo man hinschaut, klingt das möglich oder utopisch.

Die ‚kleinen‘ Wünsche der Menschen für das Zusammenleben danach sind sicher möglich: Wieder Hände schütteln, sich umarmen, zur Begrüßung küssen, Freunde einladen oder mit ihenen essen gehen, Leichtigkeit im Kontakt, miteinander singen, wiedermal verreisen, spontane Nähe und Kontakt, … .

Mag schon sein, dass es auch die Wünsche nach ungebremsten shopping, schicken Klamotten, dickerem Auto etc. gibt. An erster Stelle scheinen mir aber doch die Wünsche nach Kontakt ohne Barriere zu stehen, nach Nähe und  Miteinander. Auch wenn dadurch nicht gleich eine prinzipielle Akzeptanz des ‚Anderen‘ entsteht, ist es ihr doch förderlich.

Utopischer klingen die ‚Wie-wäre-es-wenn‘ Vorstellungen des Präsidenten:
„Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir uns angewöhnen eine florierende Wirtschaft und eine blühende Natur nicht als Gegensätze zu sehen, sondern als Ziele, die sich gegenseitig bedingen“. (…)
Wie wäre es wenn wir unser wunderschönes Österreich und die liberale Demokratie wieder mehr schätzen würden. Und die europäische Union, diese weltweit einzigartige Errungenschaft“. (…)
Und wie wäre es, wenn wir den schreienden Gegensatz zwischen wohlbehütet und Flucht oder zwischen arm und reich abmildern würden. Und auch das geht, glauben sie mir“ (ebd).

Das lässt sich nicht einfach unter Wünsche für das Zusammenleben subsumieren, die sich womöglich nach Ende der Pandemie von selbst erfüllen. Es bedeutet Arbeit. Arbeit an uns selbst und den gesellschaftlichen Bedingungen.

Marlene Streeruwitz formuliert es klar und unmissverständlich: „Wir müssen diesen Staat selbst in die Hand nehmen. Dieses Parlament weiß nichts von uns, und das müssen wir ändern. Diesmal muss die Revolution aber quer gehen. Wir müssen uns im Gemeinsamen miteinander verständigen. (…) Und die ganze Revolution ist nichts anderes, als jede Handlung politisch zu sehen und das zu vermitteln“.(Standard online 2.1.2021)

Den Staat selbst in die Hand nehmen, das tut not, wenn wir „den Mut fassen und unsere Träume gemeinsam verwirklichen“ wollen.

Unbegrenztes Wachstum
Bei 2% Wachstum im Jahr wäre ich heute 4 Meter groß

Wachstum sei für das Überleben der Wirtschaft und damit für unser Überleben notwendig. Ohne Wachstum würde das System nicht funktionieren, ein System ohne Wachstum sei undenkbar. Unbegrenztes Wachstum auf einer begrenzten Erde. Dass dies nicht funktionieren kann, bedarf keiner wissenschaftlichen Analyse, es ist evident. Trotzdem werden Vorstellungen einer Wirtschaft ohne Wachstum von vielen in den Bereich der Utopie oder der Spinner verbannt, die Notwendigkeit des Wachstums fast als Naturgesetz betrachtet. (mehr …)

Lockup Preview

Erstaunliches Einkaufserleben heute. Am Markt, g‘stopft voll, lange Schlangen bei Gemüse, Fleisch und Brot, Gruppenbildungen bei Kebab, Würstel und Sushi. Leute stehen im Rudel vor den Buden und prosten sich zu, ohne Masken, versteht sich. Beim Fleischer gibt es eine Schlange für Wurst und eine für Fleisch. Hinten in der Wurstschlange poltert einer, man solle eine dritte Schlange aufmachen. Natürlich, schnell muss es auch noch gehen. Und Elefanten sind hier keine unterwegs, Schlange heißt dicht an dicht.

Dann im Merkur kein einziges (mehr …)

1986 – Utopie in Ottawa

Ein so weit gefasster Begriff von Gesundheit wie in der Ottawa Charta der WHO 1986 mutet selbst nach 34 Jahren noch utopisch an. Die Realisierung wäre nicht nur eine Erneuerung des Gesundheitssystems, sondern würde einen kompletten ’system-change‘ bedeuten. Allein ‚Frieden‘ wäre eine globale Disruption, andere genannte Punkte nicht viel weniger: Sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

Die Voraussetzungen für Gesundheit wurden so definiert: (mehr …)

Sorgearbeit für die Biospähre

Es beginnt in unmittelbarer Nähe, denn Grundlage jeglicher Sorgearbeit sind Respekt und Wertschätzung gegenüber den Mecnschen, die mir am nächsten sind, bei Partner*in und  Kindern, bei der Familie und bei Freund*innen, Bekannten und Nachbarn. Wenn ich meine Partner*in  als Besitz ansehe, ihr und den Kindern gegenüber Gewalt in welcher Form auch immer ausübe, ihre Bedürfnisse missachte oder sie verachtend behandle, werde ich kaum empathisch stützende Sorgearbeit leisten können. Für sie nicht und nicht für andere. Sorge für die Erde beginnt in der Beziehung. Die Haltung wertschätzender Akzeptanz gegenüber den Menschen und der Gesellschaft, in der ich lebe,  ist Voraussetzung, um auch für die Biosphäre Sorgearbeit leisten zu können. (mehr …)

Mögliche Augaben von Gesellschaft

Referenzrahmen für Gesellschaften sind die Bedingungen und Grenzen des Systems Erde. Die Erde wird nicht als auszubeutendes mehr oder weniger totes Objekt gesehen, sondern als Subjekt, mit und in dem wir leben, in ständigem gegenseitigen Austausch. Die Gestaltung des Stoffwechsels braucht den Blick auf das Wohl der Menschen und Gemeinschaften genauso wie den auf das Wohl von Erde und Natur.

Aufgabe der Gesellschaft ist Existenzsicherung und die Abdeckung und Sicherung von Grundbedürfnissen: (mehr …)

‚Sorgearbeit‘ für die Erde hat heute oberste Priorität. Zerstören wir die Biosphäre, geht gar nix mehr.

Das Übel liegt in der Art und Weise unserer Ökonomie, Ausdruck unserer Überzeugungen, Einstellungen und Haltungen, Ökonomie als Teil der ‚angewandten Weltanschauung‘. Erde, Tier- und Pflanzenreich sowie Menschen werden als Objekte gesehen, die für wirtschaftliche Interessen ausbeutbar sind. In den letzten Jahrzehnten hat  sich die Supralogik der Gewinnmaximierung durchgesetzt, der unabhängig von den Folgen alles andere untergeordnet wird. Zweck der Ökonomie ist es nicht mehr, die Bedürfnisse der Menschen abzudecken. Nein, die Menschen sind selbst zur Funktion einer gewinnmaximierenden Wirtschaft geworden. (mehr …)